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auto-e

Private Bilder aus dem Internet, die von den Benutzern als Selbstdarstellung für kontakte werben, sind heruntergeladen, und minim verändert. Die Person ist mit einer Farbe zugedeckt. Bildzeichen entstehen.

Bei der Installation im Kleinen Kunsthaus St.Gallen sind die Sujets im Treppenhaus aufgehängt. Je höher man steigt sind die Bilder entschlüsselbarer. Zuoberst ist die Herkunft der Bilder unausweichlich klar. Beim Abstiegsind die Symbole entmystifiziert.

weitsprung

C-Print 1100 x 300 cm, Kunstraum Kreuzlingen

Auf der Rückwand des leeren Verkaufraumes sind die einzelnen Bildbahnen montiert. Die Bildauflösung des Internetpicts ist mit einer Pixelgrösse von 12 cm sehr grob. Von Nahem sind nur die Quadrate in rosa Farbtönen sichtbar. Das Bildsujet ist erst in einer Entfernung von ca. 40m erkennbar. Die Körperlichkeit der Abbildung bleibt in sicherer Distanz. Der Absprungpunkt liegt im Kunstraum. In der Fensterleibung hängt das „Original“, ein Tintenstrahlausdruck aus dem Internet. Hier entsteht die Sprungvollendung zwischen Privat und Öffentlichkeit.

art@kink

Installierte Tapetenobjekte

Rohe Hühnchen auf tiefblauem Hintergrund in der Ebene ins unendliche multipliziert. Eine regelmässige Tapete mit magischer ornamentaler Kraft ist entstanden. Doch plötzlich wird sich der Betrachter gewahr, dass etwas mit den Hühnchen nicht stimmen kann. Die Ahnung beginnt sich breit zu machen, dass männliche Geschlechtsorgane mit Hühnchen verwechselt worden sind. Dennoch kippt das raffinierte Fixierbild immer wieder von einer Anschauung zur andern und zurück. Der Zuschauer ist irritiert von der lapidaren objekthaften Darstellung dieser beiden Interpretationsmöglichkeiten, die voneinander nicht zu trennen sind.

Der junge St. Galler Künstler Frank Keller eröffnete letzen Freitag in der Galerie art@kink seine erste Ausstellung in der Stadt Zürich. Sie ist die vierte in einer Serie über den männlichen Körper, die der Sex- und Piercingshop Kink in seinen Räumlichkeiten durchführt. Das Potential der Ausstellung besteht in der Vermischung von zwei stark verschiedenen Personengruppen: den Kunstinteressierten und den Kunden des Geschäfts. Doch nicht nur örtlich wird eine Überschneidung der Besuchergruppen angestrebt. Die Kunden können sich ein erstandenes Objekt oder Kleidungsstück in Packpapier in Tapetenmuster von Frank Keller einwickeln lassen.

Die Tapete wird durch die Auskleidung eines Raumes zum künstlerischen Mittelpunkt der Ausstellung. Wenn diese Tapete ihre räumliche Wirkung entfaltet beginnen sich die Hühner in einer Art Vorhangnetz vom tiefblauen Hintergrund abzuheben. Der Ausstellungsraum wird durch diesen Hintergrund in die Tiefe visuell erweitert. Der Betrachter befindet sich in einem engmaschigen Netz von rohen Poulets.

Durch den Aufbau der Tapete mit Farbpixeln zeigt sich die Arbeitsweise des Künstlers. Die Bilder sind bearbeitete Computerausdrucke. Alle Bilder mit denen Frank Keller arbeitet stammen aus dem Internet, meist aus Seiten, welche für über Achtzehnjährige bestimmt sind. Alle Grundbausteine, sowohl Fotos wie auch Texte sind in ihrer Urform für jedermann frei im Internet verfügbar und könnten heruntergeladen werden. Die kulturelle Leistung von Frank Keller besteht in der Visualisierung dieser privaten Bilddokumente in den öffentlichen Raum, die Sichtbarmachung einer gelebten Facette des heutigen Lebens. Doch geht es ihm nicht um die Zurschaustellung der männlichen Sexualität, sondern um das Ergründen der persönlichen Grenzen des Betrachters, was er noch mit Genus betrachtet und was er nicht mehr erträgt. Er ergründet die Grenzen des menschlichen Seins, ohne dass das Werk unästhetisch zu sein braucht. Kunst versteht der Künstler als einen Perspektivenwechsel, der eine weitere Interpretationsebene hervorzurufen vermag. Wobei diese Ebene nicht eindeutig zu sein braucht, aber in Konflikt mit den geltenden Moralvorstellungen stehen kann. Bereits durch die Körperlichkeit vermag das Hühnerfleisch beim Zuschauer eine faszinierte Distanz hervorzurufen.

Die ästhetische Qualität der Tapete von Frank Keller und künstlerische Reichhaltigkeit seiner Manipulation von Bildern macht dem Betrachter wieder bewusst, für welche privaten Zwecke das Internet auch benutzt wird. Welche neuen Arten von Sexualität entstanden sind. Ob wir diese gutheissen oder nicht spielt hierbei keine Rolle, sie existieren.

Sexualität in der Kunst wird oft als provokativ empfunden und allzuoft als Pornographie verschrieen. Wobei sich der Bereich, was Pornographie ist durchaus stark zu wandeln vermag, was immer wieder zur Rehabilitierung von Kunstwerken führt. Das künstlerisch Handwerkliche, was oft als Bestandteil von Kunst gesehen wird, entfällt bei der Tapete zugunsten der unendlichen Verfügbarkeit von Bildern, wie sie bereits von Popartkünstlern mühevoll über Siebdrucke multipliziert werden mussten. Das Primat das einzige Original zu sein entfällt oder kann nur noch über das limitieren von Auflagen und Signieren erhalten bleiben.

Die Qualität der Ausstellung besteht in der Auseinandersetzung mit der Banalität, die das Internet in sich birgt, und wie man aus diesen erotischen Grundstoffen, die sich in ihm befinden durch einfache Manipulationen einen veränderten Blickpunkt erhält, der ein ästhetisch ansprechendes Kunstwerk entstehen lässt. Auch muss der Betrachter feststellen, dass Schönheit als ästhetische Qualität durchaus verführen kann und man sich fragen muss, ob es sich wirklich nur ein harmloses rohes Poulet handelt.
Daniel A. Walser

tapeten


Im Zeitalter von Aids hat Sexualität nicht zufällig das Internet erobert. Risikolos sind hier private Bilder weltweit verfügbar, losgekoppelt vom ehemaligen Ursprung. Fragmente von Körperbildern aus dem Internet werden hier als Struktur für Wandbilder verwendet. In gespiegelten Vierpassmustern verlieren sie ihre direkte Körperlichkeit und werden zu verfügbaren abstrakte Bildzeichen, die sich ganz traditionell als Tapetenmuster für die Auskleidung eines Raumes eignen. Erst die Nahsicht macht aus dem schönen Raum einen durchaus körperlichen und zwingt die Betrachtenden zu emotionaler Nähe, der sie sich ursprünglich durch die Abstraktheit des Musters zu entkommen hofften. Private und öffentliche Bilder werden verbunden, insofern ein Ausstellungsraum öffentlich ist und die Internetbilder als Private gedacht sind.

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