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augenweide

appenzeller magazin mai 2003
Ein Vollbad in Christbaumkugeln ist eine delikate Angelegenheit. So auffordernd der Mann in der Wanne auch lockt – das hauchdünne Glas ist zerbrechlich und das Vergnügen somit ein mehr als zweischneidiges. Oder handelt es sich gar nicht um Weihnachtsschmuck, sondern um Megabadeperlen, die überschäumende Schlüpfrigkeit verursachen, sobald sie sich auflösen? Sind es Äpfel und der Badende eine Eva oder die böse Königin Schneewittchens? Die Kugeln weisen eine Öffnung auf, die sie unzweifelhaft zu Rollen werden lassen. Der Mann in der Wanne ein Klaus? Ein Rollenweib? Welche Rolle nimmt er ein?
„Augenweide“ ist eine Herausforderung, doppelbödig, ambivalent und entblössend. „Augenweide“ ist ein Selbstporträt: der Künstler präsentiert sich selber mit ausgewählten Attributen, die auf seine Herkunft und sein Selbstverständnis als Mann und Künstler verweisen. Der Moment der bewussten Inszenierung ist auch der Moment intensiver Selbstbefragung.

Frank Keller, geboren 1964, lebte bis 1983 in Herisau. Die 70er-Jahre, die stilistisch das Badezimmer der aktuellen Wohnung des gelernten Hochbauzeichners in St.Gallen prägen, waren die Jahre seiner Jugend, seiner Sexualisierung. Biografische, kulturelle und soziologische Hintergründe von Herkunft und Persönlichkeitsstruktur werden in der am Computer bearbeiteten Fotografie reflektiert, ja wörtlich in den glänzenden Kugeln gespiegelt.
Mit Tapetenmustern und Perlenvorhängen als diskreter Pixelporno aus dem Gay-Bereich tastet sich Frank Keller seit einiger Zeit auf subversiven Wegen in künstlerische Grenzbereiche vor. Das Projekt „Boye“, ein pinkiger Schwimmkörper, der aus kaleidoskopartig angeordneten männlichen Unterleiben zusammengesetzt ist, steht kurz vor der Ausführung und könnte schon im Sommer den Schwimmenden im St. Galler Mannenweiher Halt geben. Die vordergründige Biederkeit des blauäugigen Plättlidekors, eine Anlehnung auch an Stickereimuster, wird in „Augenweide“ ähnlich verführerisch leichtfüssig unterwandert, die sexuellen Anspielungen der Motive legen die Doppelbödigkeit beengender Moralvorstellungen offen und verbrüdern sich mit dem Archaischen im Appenzeller Brauchtum.
Ursula Badrutt Schoch

cotton candy

Zuckerwatte verändert sich kurz nach der Herstellung. In einem Tag wird sie zur spröden Struktur. Aus weichem Rosa wird hartes Rot. Eine Metallsäule steht als Achse im Raum. Zuckerfäden werden aus dem Zylinder geschleudert. Die klebrigen Fäden verdichten sich zu einem Luftigen Ring. Dieser wächst in die Höhe. Die Maschine stellt bei gewünschter Höhe ab. Langsam erdrückt sich die Watte selber und erstarrt. Vom Traum bleibt der eindringliche Erdbeerduft.